Kategorie: Filmbesprechung
"Wir waren Kumpel"
Dokumentarfilm über fünf Bergleute, die sich nach Schließung ihrer Zeche neu orientieren müssen (in der ZDF-Mediathek).

Unterrichtsfächer
Thema
Bildungsrelevant, weil der Dokumentarfilm am Beispiel von fünf Bergleuten die individuellen Folgen des Strukturwandels aufzeigt.
Die Geschichte: Fünf Kumpel erleben das Zechen-Aus
Mit der Schließung der letzten deutschen Zechen in Ibbenbüren und Bottrop endet 2018 die mehr als 500-jährige Ära des Steinkohlebergbaus in Westfalen. In Ibbenbüren arbeiten die seit Jahrzehnten befreundeten Steiger Marco "Langer" Edelmann und Wolfgang "Locke" Herrmann unter Tage. Wegen der 12-Stunden-Schichten sehen sie sich oft länger als ihre Frauen und Kinder. Ihr Kollege Thomas versorgt die Kumpel mit frischer Arbeitsbekleidung und wohnt noch bei seiner Mutter. Kirishanthan Nadarjah, genannt Kiri, flüchtete vor rund 20 Jahren vor dem Bürgerkrieg aus Sri Lanka nach Deutschland und steuert die Werkslokomotive. Martina arbeitet nach ihrer geschlechtlichen Transition als mutmaßlich einzige Frau im Kohlebergbau und wechselt in ein Salzbergwerk bei Fulda. Wie füllen die Fünf nach dem Verlust der Arbeitsstätte die Leerstellen?
Filmische Umsetzung: Auf Einzelschicksale fokussiert
Erst nach etwa 40 Minuten erscheint der Titel von Christian Johannes Kochs und Jonas Matauscheks Zum Inhalt: Dokumentarfilm: In weiß auf schwarz markiert er eine Zäsur, die den Film in zwei ungleich lange Teile trennt: Der Erste zeigt die Kumpel in ihrem Alltag und begleitet sie zu ihren Familien. Dabei vermittelt die Kamera eindrucksvoll die extremen Arbeitsbedingungen in den Kohleflözen. Der einstündige zweite Teil macht die Brüche in den Lebensentwürfen des Quintetts nach der Zechenschließung sichtbar. So findet etwa "der Lange" einen Job als Schulbusfahrer, während "Locke" sich als Hausmann langweilt. Eine ruhige alternierende Zum Inhalt: Montage verknüpft die Episoden, wobei "Wir waren Kumpel" zuweilen durch eine Verzahnung von teilnehmenden Beobachtungen und Zum Inhalt: szenischen Arrangements nicht wie ein lupenreiner Dokumentarfilm wirkt.
Thema: Der Strukturwandel und der Wandel des Männerbilds
Der Strukturwandel mit seinen individuellen Folgen für die Beschäftigen bildet die zentrale Thematik von "Wir waren Kumpel". Als eine der Protagonist/-innen erweitert die Trans-Bergfrau Martina den Fokus jedoch um einen interessanten Teilaspekt: Als einzige Frau in einer Männerdomäne trägt sie dazu bei, das überkommene Selbstverständnis der männlichen Bergleute als „Malocher“ zu hinterfragen, und problematisiert zugleich eindeutige Geschlechtsidentitäten und Rollenbilder. Dementsprechend befasst sich Martina auch mit anderen Herausforderungen als ihre männlichen Kollegen, etwa wenn sie nach einer Stimmhöhe sucht, in der sie sich auf der Arbeit und im Privatleben wohlfühlt.
Kritische Aspekte: Thematische Engführung
Indem sich der Film auf individuelle Porträts konzentriert, blendet er die wirtschaftlichen Ursachen der Bergwerksschließungen und die gesellschaftlichen Folgen des Strukturwandels in der Montanindustrie weitgehend aus. Auch auf eine historische Einordung der politischen und sozialen Umwälzungen verzichten die Regisseure. Derartige Kontextualisierungen hätten jedoch das Verständnis junger Zuschauender für die tiefgreifenden Veränderungsprozesse erleichtern können.
3 Fragen zum Film
Die fünf Protagonist/-innen müssen sich nach dem Verlust ihrer Arbeitsstätte beruflich neu orientieren. Warum ist es für sie so wichtig, neue Lebenschancen aufzuspüren?
Das Regieduo schildert fünf persönliche Schicksale, liefert aber wenig Hintergründe zu den gesellschaftlichen Zusammenhängen. Was sind Vor- und Nachteile dieses Konzepts?
Simultan zum Ende der letzten Steinkohlezechen erstarkte die Schüler/-innen-Protestbewegung Fridays for Future. Wie äußern sich die Bergarbeiter/-innen und ihre Familienmitglieder im Film zum Klimaschutz?